Meerjungfrauen mach ich am liebsten

By | März 8, 2016

Claus Hartmann ist einer der letzten Fachleute für Galionsfiguren, die handgeschnitzten Figuren am Bug eines Segelschiffs.
Seine Spezialität sind weibliche Rundungen – er ist ein Schnitzer aus Leidenschaft. Wir besuchten ihn in der Nähe von Bremen. Schon von weitem hört man es knattern. Klingt wie ein uraltes Moped. Wir nähern uns dem Motorenlärm durch den schmalen Pfad im Schilf, und es wird ziemlich laut. Schon fliegen uns dicke Holzspäne entgegen. Als wir auf den Sandplatz treten, läßt der Mann in kurzen Hosen und flatterndem Holzfällerhemd die Kettensäge sinken und begrüßt uns mit einem freundlichen Grinsen.
Der Mann mit der Kettensäge ist Claus Hartmann, ein Könner in seinem Handwerk und einer der wenigen Fachleute weit und breit: Er macht Galionsfiguren. Wenn einer die feine Schnitzarbeit in den Fingern hat, die Liebe für alles Seemännische im Blut, dann ist es Hartmann.
Wir treffen ihn auf Harrier Sand, einer schmalen Insel im Unterlauf der Weser, nördlich von Bremen. Hartmann bearbeitet gerade einen Rohling, einen großen Brocken Treibholz, bestimmt viele Kilo schwer. Und daraus soll eine Frauenfigur entstehen, eine Nixe mit nacktem Busen, die Arme hinter dem Kopf verschränkt? Claus Hartmann hat gerade angefangen. „Was ist das für ein Gefühl, wenn man mit der Kettensäge vor so einem gewaltigen Holzbrocken steht und den ersten Schnitt tun muß?“ wollen wir wissen. Hartmann schmunzelt: „Das ist ganz furchtbar. Man hat zwar das endgültige Bild vor seinem inneren Auge, da aber ein falscher Schnitt nicht wieder zu korrigieren ist, verläßt t mich beim Anblick des Rohlings manch-auer mal der Mut. Dann sage ich mir: Morgen fängst du an. Aus Morgen wird dann Übermorgen, und manchmal dauert es eine tos: ganze Woche. Aber dann kommt der Ter-Fot mindruck, und ich muß ran.“ Vom Kopf her beginnend, arbeitet er die rohe Form über Brust und Arme bis zum Unterleib heraus. Danach geht es wieder von oben los, diesmal mit Hammer und Stechbeitel. Am Ende steht dann die Feinarbeit mit Schnitzmessern, an besonders kritischen Stellen wie den Augen auch mit einem Skalpell und zuletzt mit Schmirgelpapier. „Nach zwei, drei Tagen, wenn schon etwas von der Gestalt deutlich wird, dann macht’s richtig Spaß!“
So wie bei der Galionsfigur für den Kreuzfahrtdreimaster „Lili Marleen“, einen Neubau. Das war Hartmanns größte Herausforderung bisher: Der Rohling wog anderthalb Tonnen. Eine halbe Tonne hat er davon weggesägt und weggeschnitzt. Übrig blieb eine große Frauengestalt, den Blick weit in die Ferne gerichtet, die rechte Hand traditionell über dem Herzen.
Im letzten Jahr wurde die Galionsfigur für das Segelschulschiff „Großherzogin Elisabeth“ fertig. 15 Kanthölzer aus gut abgelagerter nordischer Kiefer hat Hartmann für den Rohling zusammengeleimt. Im hinteren Teil legte er die Bohlen treppenförmig an, so daß schon eine grobe Keilform zum späteren Anpassen an den Schiffsbug entstand. Nach einem Blick in seinen Werkzeugkoffer stehen uns die Haare zu Berge: ein restlos zerfledderter Holzhammer, Stecheisen mit Rostflecken… Hartmann zuckt mit den Schultern: „Das kommt vom Draußenarbeiten. Manchmal regnet’s eben auch. Und außerdem hänge ich an diesem alten Werkzeug, das stammt zum Teil noch von meinem Vater.“ Das Hobbyschnitzen hat in seiner Familie Tradition. Der Keller des Hauses seiner Großeltern war vollgestopft mit maritimen Erinnerungsstücken seines Urgroßvaters. „Das war ein unheimlicher und zugleich faszinierender Ort. Denn dort standen im Halbdunkel auch seltsame hölzerne Figuren: Frauengestalten, ein starr blickender Mann, eine Meerjungfrau.“ Und als der Steppke seinen Vater beim Renovieren einer alten Galionsfigur zuschaute, sagte der: „Mach doch auch mal eine.“ Das war aber eher beiläufig gemeint, denn später hieß es: „Junge, mach Abitur und werde Arzt.“ Aber Hartmann heuerte lieber an, als 17jähriger ging er zur See auf einem Fischdampfer. Nach kurzer Erfahrung mit der Seemannswirklichkeit trieb es ihn wieder an Land – hin zu den faszinierenden Frauengestalten und den Männern mit dem starren Blick. Galionsfiguren, das sind Darstellungen von Menschen, Tieren oder Fabelwesen, die vorn am Bug des Schiffes angebracht werden. Früher sollten sie böse Geister abwehren, Götter besänftigen oder feindlichen Schiffen das Fürchten lehren. In den modernen Zeiten wurden sie zu Talismanen. Unter Schiffseignern hat sich schnell herumgesprochen, daß da oben in der Wesermündung ein einfühlsamer und begabter Schnitzer am Werk ist. Rund 25 solcher Glücksbringer hat Hartmann inzwischen abgeliefert, dazu Heckschilder und Trailboards.
Woher kommen die Ideen für die vielen Aufträge? „Aus verschiedenen Quellen“, sagt Claus Hartmann.
„Ich habe Bücher über Galionsfiguren, ich besuche Museen, studiere die alten Formen. Einmal war es sogar ein Modefoto aus einer Zeitschrift, das mich inspiriert hat. Zusammen mit den oft eher vagen Vorstellungen meiner Auftraggeber entsteht dann etwas Neues.“
Der schwere Brocken, den Hartmann gerade mit der Kettensäge freilegt, wird wieder eine wohlproportionierte Meerjungfrau, diesmal allerdings nicht für ein Schiff, sondern für ein Restaurant in Hamburg.
„Gut“, sagt Hartmann, „die steht dann da nur rum. Das hat aber für meine Arbeit hier auch sein Gutes: Ich kann Treibholz verwenden, das die Spuren der Zeit behalten darf. Ich muß keinen Trocknungsspalt zuspachteln und keinen Gang der Pappelspinnerraupe verpflastern. Alles bleibt so, wie’s am Holz dran ist. Aber an einem Schiff, das ist schon eine schöne Vorstellung: Da segelt immer ein Stück von mir selbst durch die Welt.“
Was da noch mitsegelt, räumt Hartmann ein, sind die PU-Lacke, mit denen er seine Figuren farbig gestaltet. „Ich hab’ jedesmal ein schlechtes Gewissen, vor allem seit ich gehört habe, daß diese Anstriche zu den 200 gefährlichsten Stoffen der Erde gehören. Eigentlich ist das eine viel zu heftige Chemiedröhnung.“ Aber das Holz und die Farben müssen ja dem Salzwasser standhalten können.
Und welche Figur mag er am liebsten? Ohne Zögern nennt er die Meerjungfrau. „Beim Arbeiten an einer Mädchengestalt hab’ ich ständig Oscar Wildes Märchen vom Fischer im Kopf, der sich unsterblich in eine Meerjungfrau verliebt.“ Und natürlich die Nixe im Keller des Großvaters, die ihn als Kind so faszinierte.
Fünf bis acht Wochen arbeitet Claus Hartmann, der sich selbst einfach nur einen Schnitzer nennt, an einer großen Figur. Das nächste Jahr ist schon ziemlich ausgebucht. Für die „Amundsen“ soll er einen Eisbärenkopf schnitzen, für die „Alexander von Humboldt“ will er ein Porträt des Namensgebers machen. Oder vielleicht doch lieber ein Indianermädchen. Mit wehenden langen Haaren und schönem nackten Busen.

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