Seltene Tiere sind meine größte Leidenschaft

By | April 14, 2016

Seltene TiereDen Blick für das Schöne hat Götz Peter Reichelt schon immer besessen. Zahlreiche Bildreportagen in „stern“ oder „GEO“ beweisen das. Aber was hat den erfolgreichen Fotografen dazu bewegt, die Kamera immer wieder mit Schnitzmessern zu vertauschen?

Der leichte Windhauch vom Ozean bewegt die Spitzen der Palmwedel nur ein wenig. Trotz sengender Sonne ist es schwül. Den barfüßigen Mann in dünnen Shorts und landestypischem Batikhemd scheinen die Temperaturen, die auf der Bambusterrasse vor der schlichten Hütte herrschen, nicht zu stören. Flink fährt die scharfe Klinge seines Messers über das Stück Holz, das er in den Händen hält. Span für Span trägt er davon ab, prüft das Ergebnis mit einem Blick, arbeitet konzentriert weiter. Die Konturen eines Wals werden immer deutlicher, je länger er sich seinem Werkstück widmet. Ort der Handlung: Bali, Trauminsel zahlreicher Touristen aus aller Welt und mittlerweile zweite Heimat des Hamburgers Götz Peter Reichelt, den seine Freunde schlicht Hajo nennen.

„Auslöser für meine neue Leidenschaft, das Schnitzen, war ein Unfall. Während eines Tauchurlaubs, der mich 1979 nach Bali führte, wurde ich von einem Auto angefahren. Mein linkes Bein kam in Gips, und mit dem Tauchen war’s erstmal vorbei.“ Auf seinen kleinen Streifzügen über die Insel aber stieß er auf die Werkstätten der einheimischen Holzschnitzer, die zumeist religiöse Reliefs aus der „RamayanaGeschichte“, einer Art Bibel des Hinduismus, in Arbeit hatten. Er schaute ihnen eine Weile auf die Finger – und hat dann selber mit einfachen Schnitzübungen begonnen, um die Zeit totzuschlagen.

Ein Puzzle-Entwurf aus einem alten SelberMachen-Heft, eine einfache Laubsägearbeit, brachte Reichelt auf die Idee, das Ganze in dreidimensionaler Form herzustellen. „Ich habe mir, während ich mich 1984 wieder einmal auf Bali aufhielt, ein Brett besorgt, die Figuren darauf übertragen und mit der Laubsäge ausgeschnitten. Mein balinesischer Freund Ida Bagus Jiwartem (übersetzt heißt Ida Bagus übrigens „Der gute Ida“) und ich gaben den flächigen Figuren mit unseren Schnitzmessern Struktur – und schon war das erste Holzpuzzle in balinesisch-deutscher Gemeinschaftsarbeit entstanden!“ Wies diese spontane Schnitzarbeit noch etliche technische Mängel auf, zeigen die hölzernen Puzzles, die Reichelt heute herstellt, schon seine ganze Meisterschaft. Die Tierfiguren sind naturgetreu, aber dennoch stilisiert wiedergegeben. Die wesentlichen Merkmale sind gut herausgearbeitet, ohne daß er dabei all zu sehr ins Detail verfällt. Und die Holzoberflächen sind so fein überarbeitet, daß jedes Stück zu einem Handschmeichler gerät.

„Das Holz, mit dem ich am liebsten arbeite, heißt auf Bali Pulee. Es ist ein schnellwachsendes, weiches Nutzholz, das in seiner Struktur unserer heimischen Weide oder Pappel ähnelt. Weil meine Puzzles alle aus einem einzigen Stück gewachsenen Holzes entstehen, muß ich an den Stellen besonders vorsichtig arbeiten, wo die Form der Figur nicht glücklich zur Laufrichtung der Maserung liegt. Starken Druck verträgt das Material nämlich nicht, und Bruch wäre unvermeidlich.“ Seitdem Hajo Reichelt die Konturen seiner Puzzles mit einer sehr präzise arbeitenden elektrischen Dekupiersäge ausschneidet, geht ihm diese Vorarbeit deutlich schneller von der Hand. So zwischen einer und zwei Stunden dauert das, je nach Größe des Modells. Fürs Schnitzen hingegen braucht er richtig Muße: Das können ein paar Tage sein oder, wie bei der Arche Noah, sogar bis zu drei Monate. Ein Achtstundentag am Schnitzmesser käme dem agilen Multitalent ohnehin nicht in den Sinn.

Fast alle von Reichelt entworfenen und geschnitzten Reliefs haben Figuren aus dem Tierreich zum Thema. Gibt es dafür einen besonderen Grund? „Oh ja, durchaus! Ich habe als Berufsfotograf über viele Jahre ein gutes Stück von der Schönheit dieser Welt gesehen. Und ich würde mir wünschen, daß auch die Generationen nach uns noch etwas von dem Artenreichtum der Schöpfung erfahren können. Nicht nur im Zoo, sondern möglichst in der freien Natur. Besonders bei meiner Arche Noah habe ich deshalb vom Aussterben bedrohte Tierarten dargestellt: Lemuren, Lederschildkröte, Berggorilla, Weißadler oder Sumatra-Nashorn und andere mehr.“

Und wie schätzt er selber den Wert seiner ungewöhnlichen Schnitzobjekte ein? „Ich habe inzwischen sieben verschiedene Puzzlemotive entwickelt und stelle sie sozusagen in kleiner Serie her. Dennoch bleibt jedes Stück ein Unikat, ein Einzelkunstwerk. Denn jedes Brett hat seine spezifischen Besonderheiten, jedes Stück Holz ist verschieden. Und daraus resultieren dann auch leicht abweichende Figuren.“ Einfache Motive sind schon ab etwa 200 bis 400 Mark zu haben, für die ganz großen Reliefs aber muß man schon soviel bezahlen wie etwa für ein Ölgemälde: 3000 bis 6000 Mark. Wer mag, kann sich dann so ein signiertes Stück Schnitzkunst auch mit einem Glasrahmen einfassen und an die Wand hängen.

Mit dem richtigen Holz klappt jede Schnitzarbeit fast schon spielerisch Götz Peter Reichelt rät allen Seibermachern, die sich auch einmal mit einer Schnitzarbeit beschäftigen möchten, nicht am Material zu sparen. Das beste heimische Schnitzholz ist Linde. Ein fast weißes, relativ weiches Holz ohne störende Jahresringe. Man bekommt es in Blockform in Fachgeschäften für Modellbau und Bastelbedarf. Reichelts Lieblings Werkzeug beim Schnitzen: ein Grafikskalpell mit einer austauschbaren, superspitzen Klinge. Ansonsten benutzt er die balinesischen Schnitzeisen, die trotz aller Einfachheit sehr effektiv sind. Sollen hölzerne Figuren entstehen, rät Reichelt, deren Umrisse erst einmal mit einer Laubsäge auszuschneiden. Unentbehrlich ist auch ein weicher Bleistift, mit dem die Formen und Strukturen auf der Holzoberfläche vorgezeichnet werden. Übrigens, ein Satz mit zehn hochwertigen Schnitzbeiteln samt Abziehstein und Holzkasten (Fa. Kirschen, Remscheid) kostet Sie rund 230 Mark. Nicht viel für ein neues Hobby!

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